Wie deine Darmbakterien dein Gewicht beeinflussen können

Stell dir vor: Ein Forscher präsentiert auf einer Konferenz ein neues Organ:

Es ist quasi der Sitz des Immunsystems, enthält 100x mehr Gene als der Organträger, ist individuell an seinen Träger angepasst und kann manipuliert werden durch Ernährung, Antibiotika und Stress. Ohne dieses Organ würde der Träger außerdem schwer beeinträchtigt und anfällig für Krankheiten sein. Errätst du, um was es geht?

Na?? Du ahnst es doch schon: es geht um deine Mikroflora!

Was machen diese kleinen Mikroben in und auf uns eigentlich und vor allem in unserem Darm? Einen Teil der Aufgaben unserer Darmbakterien haben wir bereits im vorigen Blogeintrag erfahren. In unserem Darm leben ca. 160 verschiedene Spezies an Darmbakterien. Die Zusammensetzung variiert von Mensch zu Mensch und somit auch ein wenig die Funktionalität. Die meisten Bakterienarten davon haben mehr oder weniger dieselbe Funktion: Kohlenhydrat Fermentation von Ballaststoffen zur Produktion von kurzkettigen Fettsäuren, sog. „short chain fatty acids (SCFA)“ (z.B. Butyrat, Propionat, Acetat). Unsere Bakterien verdauen also alles, was wir nicht verdauen, sog. Ballaststoffe. Allerdings resultiert die von Mensch zu Mensch unterschiedliche Zusammensetzung der Darmflora darin, dass unterschiedliche Mengen dieser Fettsäuren und bestimmter anderer Stoffwechselprodukte in jedem Darm gebildet werden, vor allem auch in Abhängigkeit davon, was wir essen.

 

Was fangen wir eigentlich mit den kurzkettigen Fettsäuren (SFCA) an, die unsere Darmbakterien produzieren?

Zum einen werden andere „gute“ Bakterienpopulationen damit gefüttert und der pH Wert in unserem Darm so niedrig gehalten, dass Pathogene sich nicht vermehren können (Fukuda et al, Nature 2011). Außerdem sorgen SCFA dafür, dass unsere Darmwand nicht „löchrig“ wird (hierbei treten Bakterien aus dem Darm durch die Darmwand ins Blut über und können Entzündungen hervorrufen. Stichwort: „leaky gut“, aber darauf gehe ich demnächst einmal ein) (Jung et al, 2015; Peng et al. 2009).

Zum anderen bewirken diese Fettsäuren, dass genügend Darmschleimhaut gebildet wird, welche ebenfalls als natürliche Barriere dient zwischen Darminhalt bzw. Bakterien und dem Blut. Zum anderen haben SCFA eine Schlüsselrolle inne bei der Regulation unseres Immunsystems, z.B. bei der Auflösung von Entzündungen im Körper, u.a. im Fettgewebe, welches relativ viele entzündliche Stoffe produzieren kann (Arpaia et al, Nature 2013).

 

Besonders interessant ist auch der Einfluss der Fettsäuren auf unseren Stoffwechsel. Wenn die SCFA vom Darm ins Blut aufgenommen werden, werden sie in der Leber im Fettstoffwechsel verwendet. Es kommt mit SCFE zur Fett-oxidation und erhöhter Mitochondrien-Aktivität und nicht zur Fett-Synthese, was quasi bedeutet: Fettabbau bzw. erhöhter Stoffwechsel. Bei Übergewicht könnten von Darmbakterien produzierte Fettsäuren also sehr hilfreich sein! In Tierversuchen konnte z.B. gezeigt werden, dass Fettleibigkeit und Insulinresistenz (typisch bei stark Übergewichtigen und Typ 2 Diabetes) vorgebeugt werden konnte trotz einer stark fetthaltigen Ernährung der normalgewichtigen Mäuse. Bei fettleibigen Tieren konnte z.B. eine Gewichtsabnahme entdeckt werden bei zusätzlicher Gabe von SCFA (Gao et al, 2009; Lin et al 2012). Acetat, eine dieser SCFA, kann auch mit dem zentralen Nervensystem interagieren und den Appetit reduzieren. (Frost et al, 2014). illustration-gut-bacteria-fat-thin

In anderen Experimenten wurde gezeigt, dass Mäuse deren Darmbakterien von fettleibigen Mäusen transplantiert wurde gegenüber Mäusen deren Darmflora von schlanken Mäusen stammte (mittels Transplantation von Stuhl, ja genau, sehr lecker. Das Verfahren erkläre ich später) das Gewicht trotz exakt gleicher Ernährungsweise unterschiedlich verlief: Die Mäuse mit Darmflora von fettleibigen Tieren wurden fett, während die Mäuse mit Darmbakterien von dünnen Mäusen dünn blieben. Beobachtet hat man, dass die Diversität deutlich höher war in den schlanken Mäusen (Gordon et al, 2014). Gab man dann den dicken Mäusen Bakterien zusätzlich von dünnen Mäusen, normalisierte sich ihr Gewicht wieder.

illustration-gut-bacteria-fat-thin-2

Dies zeigt, dass eine sehr bunte Darmflora wichtig ist, die gewisse Stoffwechselprodukte produziert, um uns dabei zu helfen einen gut funktionierenden Metabolismus zu haben. Dies ist zu einem Großteil ernährungsabhängig.

Eine Ernährung, die relativ ballaststoffarm ist, wie häufig Produkte in westlichen Breitengraden, ist assoziiert mit einer eher ungesunden Darmflora, die nicht so „bunt“ ist, was stark korreliert mit den Fällen an Übergewicht oder gar Fettleibigkeit in westlichen Ländern. Leider ist dies nicht alles: Babys, die durch Kaiserschnitt zur Welt gekommen sind und nicht natürlich gestillt werden haben auch ein erhöhtes Risiko für Fettleibigkeit, Typ 2 Diabetes, Allergien und Unverträglichkeiten. Man hat beobachtet, dass den Kindern, die quasi durch eine „sterile“ Art zur Welt gekommen sind, wesentliche Bakterien fehlen, die andere Babys normal durch ihre Mutter und die Muttermilch zu sich nehmen. (Neu et al, 2014).

Ein anderer frappierender Einfluss, der eine gesunde Darmflora stark aus dem Gleichgewicht bringt, ist die Einnahme von Antibiotika. Antibiotika sind zwar in bestimmten Fällen, bei denen bakterielle Infektionen vorliegen unumgänglich und lebensrettend, der Umgang mit ihnen wurde in den letzten Jahrzehnten aber leider sehr freizügig gehandhabt. Antibiotika töten nämlich nicht nur Bakterien, die Infektionen verursachen, sondern natürlich auch Bakterien, die gut für uns sind wie die in unserem Darm. Wir minimieren also durch Antibiotika-Einnahme unsere Vielfalt an Darmbakterien genauso wie mit schlechter Ernährung.

Wie kann ich meine Darmbakterien positiv beeinflussen?

Trotz dieser ersten Erkenntnisse und spannender Ergebnisse aus Mausstudien gibt es natürlich (noch) nicht DAS Wunderrezept für eine gesunde Darmflora, die beim Abnehmen hilft. Aber wir können zumindest daraus schließen, dass es nicht schadet mehr Ballaststoffe in unsere Ernährung mit einzubauen sowie probiotische Lebensmittel, um unseren Anteil an guten Darmbakterien zu erhöhen, die uns dabei unterstützen können unseren Stoffwechsel anzukurbeln. Mal ganz abgesehen davon, dass Ballaststoffe unseren Appetit zügeln, weil sie schön lange satt machen.

Also gerne mal ein paar Hülsenfrüchte, Vollkorn, Nüsse, Gemüse, Obst, Joghurt und leckeres probiotisches Sauerkraut futtern J

 

 

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. MissHealthy sagt:

    Interessanter Beitrag 👍

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    1. sciencefoodartist sagt:

      👏🏼👍🏽gerne teilen, wenn du jemanden kennst, für den dies auch interessant sein könnte 🙂

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      1. MissHealthy sagt:

        Klar mach ich. 😊Schau gern auch mal auf meiner Seite vorbei.

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