Darf ich vorstellen? Dein 2. Gehirn

Wusstest du, dass der Begriff „Bauchentscheidung“ eigentlich gar nicht von ungefähr kommt und quasi ein 2. Gehirn in deinem Bauch „denkt“? Du hältst dich jetzt für ziemlich schlau? Ja genau!
Es ist also an der Zeit das Organ kennenzulernen, dem die meisten von uns im Allgemeinen eher wenig und auch wohl ziemlich ungern Beachtung zukommen lassen, welches aber doch so unglaublich wichtig ist für uns, nicht nur für die Verdauung, sondern besonders auch für unser Wohlbefinden und Glücksgefühl. Darf ich vorstellen: dein Darm!

Ausgebreitet hat unser Darm die Fläche eines Basketballfeldes und ist, wenn man ihn in der Länge betrachtet, ca 6-9m lang.

Wir unterscheiden zwischen dem Dünndarm und dem Dickdarm. Der Dünndarm ist mit 6-7m deutlich länger und hat durch seine Villus-Struktur (Was soll das sein fragst du dich? s.weiter unten) auch eine viel größere Fläche (ca 30 qm,  also vielleicht so groß wie ein Single-Apartment oder eine Wohnung für 2 mitten in München ;-)) als unser relativ kurzer Dickdarm; auch funktionell unterscheiden sie sich.

Im Dünndarm werden hauptsächlich Kohlenhydrate (Zucker), Proteine und Aminosäuren, Fette und Fettsäuren, Vitamine und Mineralien ins Blut aufgenommen, die vorher durch Magensäure, Gallensalze und Verdauungsenzyme aus dem Pankreas (Bauchspeicheldrüse) zerkleinert wurden. Wenn du denkst, dass dein Darm nur eine glatte Röhre ist, die dein Frühstück von A nach Z transportiert, dann falsch gedacht! Unterwegs soll natürlich maximale Nährstoffaufnahme ins Blut garantiert werden, dafür hat sich die Natur einen Trick ausgedacht: der Darm vergrößert einfach seine Absorptionsoberfläche, indem von der Oberfläche der Darmröhre viele kleine, ca 1mm lange sogenannte „Villi“ (fingerförmige Gewebestrukturen) in das Darmlumen hineinragen (quasi Richtung Darminhalt, also der Darmhohlraum, wo die Nahrung durchtransportiert wird), so dass die Darmoberfläche quasi auf engstem Raum gefaltet ist.

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(ich hoffe, ihr könnt euch durch meine  kleine Skizze etwas darunter vorstellen wie es in euch aussieht da unten ;-))
Der Dünndarm gliedert sich noch einmal in 3 Teilstücke auf: dem obersten Bereich, der sich an den Magen anschließt, das sogenannte Duodenum (Zwölffingerdarm), gefolgt vom Jejunum und übergehend in das Ileum (ist jetzt hier erstmal alles nicht so wichtig).

 

Im Dickdarm, der sich an das Ileum (letzter Teil des Dünndarms) anschließt, wird dann dem Verdauungsbrei viel Wasser entzogen und Ballaststoffe werden von unseren Darmbakterien (die hauptsächlich in diesem Teil des Darms vorkommen) fermentiert und quasi „verdaut“. Die Stoffwechselprodukte, die bei diesem Prozess durch die Darmbakterien entstehen, sind der Schlüssel zu unserem Wohlbefinden und unserer Gesundheit und haben erheblichen Einfluss auf unser Immunsystem! Hierzu werde ich mehr in weiteren Beiträgen berichten.

Jetzt kommen wir zu den interessanten Details, die unserem Darm die Eigenschaften eines heimlichen Superhelden und Superhirns verleihen:

Unser Darm hat sein eigenes Nervensystem (enteric nerve system, ENS) mit 50-100 Mio. Nervenzellen. Das sind genauso viele Nerven wie sich im Rückenmark befinden. Damit kann man unseren Darm tatsächlich als unser 2. Gehirn bezeichnen. Auch funktionell managt der Darm, ähnlich wie unser Hirn, hochdiffizile Aufgaben, aber dazu später mehr.

Bittere und süße Geschmacksrezeptoren existieren außerdem nicht nur im Mund sondern auch im Darmepithel (der äußeren Gewebeschicht der Darmwand). 25% der bitteren Geschmacksrezeptoren eines Menschen existieren auch in der Darmwand: Unser Darm kann also auch noch „schmecken“.

Im Darm befindet sich außerdem unser Immunsystem, denn hier tummeln sich mehr Immunzellen als im Rückenmark oder im Blut zirkulieren. Dieses Immunsystem erkennt u.a. wenn wir etwas Schlechtes gegessen haben und kann sofort schlechte (sog. pathogene) Bakterien von guten Bakterien unterscheiden.
Unsere Darmstammzellen in der Darmwand teilen sich ca 1x pro Tag, damit ist unser Darmepithel  das sich am häufigsten selbst erneuernde Organ im Körper: alle 7 Tage erneuert sich unser Darm komplett!

Noch mehr erstaunliche Details über unseren Darm gefällig? Unser endokrines System (Hormonsystem) im Darm, das für die Produktion von Hormonen verantwortlich ist, enthält außerdem mehr Zellen als alle anderen endokrinen Organe in unserem Körper (dazu zählen Hypophyse (Hirnanhangdrüse), Schilddrüse, endokrines Pankreas (Bauchspeicheldrüse), Nebennieren, Eierstöcke und Hoden) zusammen. 95% des Serotonin (unser Glückshormon!)-Vorrats im Körper werden in den sogenannten „enterochromaffinen Zellen“ in unserer Darmwand hergestellt, der Rest im zentralen Nervensystem (Gehirn). Mittlerweile hat man herausgefunden, dass bestimmte Darmbakterienspezies die Serotininproduktion in unseren Darmzellen triggern und überhaupt erst ermöglichen (Yano et al., 2015) unsere Darmbakterien sind also eine Schlüsselkomponente an dieser Stelle, aber nicht nur das!

Serotonin wird aus L-Tryptophan gebildet, welches wir durch die Nahrung aufnehmen und ist ein wichtiges Hormon und auch ein Neurotransmitter (Signalstoff im Nervensystem). Im Darm ist es lokal relevant für die motorischen Darmfunktionen, z.B. reguliert es maßgeblich die Peristaltik (die Bewegungen) unseres Darms bei dem unser Essen Richtung Ausgang transportiert wird. Die Funktionen von Serotonin reichen natürlich weit darüber hinaus. Studien mit tryptophan-armer Diät (=Nahrung, die so gut wie kein L-Tryptophan enthält; aus der Aminosäure L-Tryptophan wird nämlich Serotonin gebildet, in unserem Darm und auch im Gehirn) zeigen, dass sich die Wahrscheinlichkeit an einer Depression zu erkranken erhöhen kann, da weniger oder nicht ausreichend Serotonin gebildet wird (Feder et al., 2011)(Smith, Fairburn, & Cowen, 1997). Ein geringes Level an peripherem (vom Darm produziertem) Serotonin wird außerdem assoziiert mit diversen anderen Krankheiten wie u.a. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Reizdarm (IBS) und auch Osteoporose. Der Zusammenhang zwischen denen im Darm und durch Darmbakterien produzierten Stoffen und diversen Krankheiten, von denen man nicht für möglich gehalten hätte, dass überhaupt ein Zusammenhang besteht, wird intensiv beforscht. So weiß man bisher z.B. leider wenig darüber wie genau eine beeinträchtigte Serotoninproduktion des Darms einen Effekt auf unser Gehirn hat, da peripheres (im Darm produziertes) Serotonin eigentlich nicht die Blut-Hirn-Schranke passiert (die Blut Hirn Schranke ist eine physiologische Barriere bzw ein Filter zwischen Gehirn und dem im Körper zirkulierenden Blut, um das Gehirn vor Toxinen und Krankheitserregern oder eben auch bestimmten Botenstoffen aus dem Blut zu schützen).

FAZIT: Unser Darm reguliert also nicht nur unsere Verdauung, sondern kann eigentlich auch alles andere: er ist Hormonsystem, Immunsystem, Stimmungsmacher und Superhirn…Unser Darm ist also gar nicht nur unser „2. Gehirn“, es ist sogar viel mehr als das und agiert meistens völlig autark und unabhängig von unserer grauen Masse im Kopf.

Es gibt außerdem eine starke Korrelation zwischen diversen Erkrankungen (Depression, Alzheimer, Autismus u.v.m.) und einem verringerten Serotoninspiegel und gleichzeitig erhöhten Entzündungsmarkern im Blut wie z.B. LPS oder TNFa (was das jetzt genau ist erkläre ich im Rahmen eines weiteren Artikels, sehr es erstmal in Zusammenhang mit Entzündungen) (Hill, Bhattacharjee, Pogue, & Lukiw, 2014)(Foster & McVey Neufeld, 2013)(Evrensel & Ceylan, 2015)(Jenkins, Nguyen, Polglaze, & Bertrand, 2016), d.h. wenn unser Darm wenig Serotonin produziert, wird sich auch weniger Serotonin im Blut befinden. Das bedeutet: wenn also die Ursache von vielen (häufig auch neurodegenerativen und auch chronisch entzündlichen) Erkrankungen im Darm zu finden ist:

Wie schaffen wir es jetzt unseren Darm glücklich zu machen, damit wir voller Energie sind und gesund bleiben? Dazu müssen wir einmal unsere Mitbewohner, unsere Darmbakterien, befragen….dazu später mehr

Das waren jetzt ganz schön viele Informationen, aber keine Sorge, zu den praktischen Dingen kommen wir noch und was du konkret für dein Glück und das deiner Darmbakterien tun kannst, besprechen wir noch ausreichend 🙂

 

Referenzen

Evrensel, A., & Ceylan, M. E. (2015). The gut-brain axis: The missing link in depression. Clinical Psychopharmacology and Neuroscience13(3), 239–244. https://doi.org/10.9758/cpn.2015.13.3.239

Feder, A., Skipper, J., Blair, J. R., Buchholz, K., Mathew, S. J., Schwarz, M., … Charney, D. S. (2011). Tryptophan depletion and emotional processing in healthy volunteers at high risk for depression. Biological Psychiatry69(8), 804–807. https://doi.org/10.1016/j.biopsych.2010.12.033

Foster, J. A., & McVey Neufeld, K. A. (2013). Gut-brain axis: How the microbiome influences anxiety and depression. Trends in Neurosciences. https://doi.org/10.1016/j.tins.2013.01.005

Hill, J. M., Bhattacharjee, S., Pogue, A. I., & Lukiw, W. J. (2014). The gastrointestinal tract microbiome and potential link to Alzheimer’s disease. Frontiers in Neurology5 APR(April), 23–26. https://doi.org/10.3389/fneur.2014.00043

Jenkins, T. A., Nguyen, J. C. D., Polglaze, K. E., & Bertrand, P. P. (2016). Influence of tryptophan and serotonin on mood and cognition with a possible role of the gut-brain axis. Nutrients8(1), 1–15. https://doi.org/10.3390/nu8010056
Smith, K. A., Fairburn, C. G., & Cowen, P. J. (1997). Relapse of depression after vapid depletion of tryptophan. Lancet349(9056), 915–919. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(96)07044-4

Yano, J. M., Yu, K., Donaldson, G. P., Shastri, G. G., Ann, P., Ma, L., … Hsiao, E. Y. (2015). Indigenous bacteria from the gut microbiota regulate host serotonin biosynthesis. Cell161(2), 264–76. https://doi.org/10.1016/j.cell.2015.02.047

 

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